Wissenschaftszensur existiert in Deutschland und den USA. Doch sie funktioniert grundlegend anders. Während in Deutschland Zensur vor allem durch soziale Mechanismen und institutionelle Abhängigkeiten entsteht, greift in den USA häufig der Staat direkt in die Forschungsfreiheit ein. Dieser Artikel vergleicht beide Systeme anhand aktueller Forschungsdaten.
Anfeindungen von innen
Deutschland
Die Angriffe kommen nicht nur aus der Öffentlichkeit, sondern auch von Kolleg*innen: durch Herabwürdigung und Kompetenzanzweifel. Besonders betroffen sind Juniorprofessor*innen und Forschende aller Fachrichtungen. Wer abhängig von Verträgen und Empfehlungen ist, meidet kontroverse Themen, weil die sozialen Kosten zu hoch erscheinen.
Staatliche Eingriffe
USA
In den USA wirkt Zensur sowohl direkt durch staatliche Eingriffe als auch indirekt durch Forschende selbst (Clark et al., 2023). Behörden streichen Fördermittel oder verbannen Begriffe wie „climate change“ oder „gender“ aus offiziellen Dokumenten (PEN America, 2024). Gleichzeitig unterdrücken Wissenschaftler*innen Forschung aus Angst vor moralischem oder reputativem Schaden.
Das Signal ist eindeutig: Bestimmte Forschung ist politisch unerwünscht.
Wachsende Wissenschaftsskepsis
Deutschland
Besonders betroffen sind Geistes- und Sozialwissenschaften sowie Frauen, die häufiger aktiv diskriminiert werden. Viele erleben Anfeindungen nicht punktuell, sondern über Jahre hinweg. Physik und Ingenieurwesen gelten als „objektiv“, während Soziologie und Gender Studies als „ideologisch“ abgestempelt werden.
Politische Umbrüche als Katalysator
USA
Nach politischen Umbrüchen sinkt die Forschungskommunikation zu sensiblen Themen messbar. US-Universitäten passen ihr Verhalten innerhalb weniger Tage an: DEI-Programme werden umbenannt oder eingestellt, Kursbeschreibungen geändert, Forschungsanträge umformuliert. Forschende meiden Risikothemen, um Förderfähigkeit und Karriere nicht zu gefährden.
Niemand musste verboten werden. Die Antizipation reichte.
Selbstzensur durch Unsicherheit
Deutschland
Forschende vermeiden Themen, Begriffe oder Öffentlichkeit aus Angst vor Eskalation. Nicht Verbote, sondern Unsicherheit und mangelnde Unterstützung erzeugen Selbstzensur. Migration, Gender, Klimapolitik: Wer sich damit beschäftigt, riskiert soziale Ausgrenzung, schlechtere Evaluierungen und verpasste Karrierechancen. Zensur entsteht informell, durch antizipierte soziale Konsequenzen.
Die Drohung genügt
USA
Nicht Gesetze, sondern die Drohung mit Geld-, Status- oder Jobverlust wirkt zensierend. Öffentliche und private Geldgeber setzen informellen Druck auf Institutionen. Fördermittel werden nicht verlängert, Einladungen bleiben aus, befristete Verträge laufen aus. Das Ergebnis: Wissenschaft zieht sich zurück, bevor sie überhaupt widersprechen kann.
Gleiches Ergebnis
Deutschland
Zensur entsteht durch soziale und institutionelle Reibung: Ausgrenzung, Abhängigkeit, kollegiale Konformität.
USA
Zensur entsteht durch politischen und finanziellen Druck: Fördermittel-Entzug, systematische Einschüchterung.
Unterschiedliche Mechaniken, gleiches Ergebnis: Wissenschaft wird leise. Am Ende verlieren alle.
Quellen
- Blümel, C., Schniedermann, A., Gläser, J. & Achatz, J. (2024). Anfeindungen und unsachliche Kritik im Kontext wissenschaftlicher Arbeit. Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW).
- Clark, C. J., Jussim, L., Frey, K., Stevens, S. T. & Al-Gharbi, M. (2023). Censorship and Self-Censorship in Academic Research. Heterodox Academy.
- PEN America (2024). Educational Gag Orders: Legislative Restrictions on the Freedom to Read, Learn, and Teach. PEN America Index.