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Wissenschaftskommunikation – Theoretische Basis

Wissenschaftskommunikation bezeichnet die Gesamtheit jener kommunikativen Praktiken, durch die wissenschaftliches Wissen, wissenschaftliche Methoden und wissenschaftliche Erkenntnisprozesse innerhalb und außerhalb des Wissenschaftssystems zirkulieren. Dabei geht es nicht allein um die Weitergabe von Ergebnissen, sondern ebenso um die Darstellung der Bedingungen ihrer Entstehung, ihrer Vorläufigkeit sowie ihrer Einbettung in einen Kontext. Wissenschaft erscheint in der Kommunikation nicht als neutrales Faktenreservoir, sondern als soziale Praxis, die auf Verständigung, Anerkennung und Vertrauen angewiesen ist.

Ein weiter, inzwischen etablierter Begriffsrahmen versteht Wissenschaftskommunikation als

„alle Formen, von auf wissenschaftliches Wissen oder wissenschaftliche Arbeit fokussierter Kommunikation, sowohl innerhalb als auch außerhalb der institutionalisierten Wissenschaft[...].“ André Weiß, zit. n. Ziegler 2023, S. 13

Diese Definition macht deutlich, dass Wissenschaftskommunikation nicht auf Öffentlichkeitsarbeit oder populärwissenschaftliche Vermittlung reduziert werden kann. Vielmehr umfasst sie sowohl fachinterne Kommunikationsformen – etwa wissenschaftliche Publikationen oder Konferenzen – als auch jene Kommunikationsprozesse, in denen Wissenschaft mit Politik, Medien, Zivilgesellschaft oder individuellen Lebenswelten in Kontakt tritt.

Rüdiger Rhein betont, dass Wissenschaftskommunikation immer zwischen unterschiedlichen institutionellen, epistemischen und sozialen Logiken vermittelt. Wissenschaft folge eigenen Regeln der Erkenntnisproduktion, der Kritik und der Validierung von Wissen. Öffentlichkeit hingegen ist geprägt von anderen Erwartungshaltungen, etwa nach Eindeutigkeit, Anwendbarkeit oder moralischer Orientierung. Wissenschaftskommunikation bewegt sich daher in einem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Eigenlogik und gesellschaftlichen Anschlussbedürfnissen. Sie ist kein bloßer Transportkanal, sondern ein Prozess der Übersetzung, Auswahl und Rahmung.

Die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaftskommunikation hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Wissenschaftliche Expertise spielt eine zentrale Rolle bei der Bewältigung globaler Herausforderungen wie dem Klimawandel, der Corona-Pandemie oder der Entwicklung neuer Technologien. Gleichzeitig ist wissenschaftliches Wissen verstärkt Gegenstand politischer Auseinandersetzungen, medialer Zuspitzungen und populistischer Infragestellungen. Vor diesem Hintergrund ist Wissenschaftskommunikation nicht nur ein Instrument der Information, sondern auch ein Ort gesellschaftlicher Aushandlung.

Niemann, van den Bogaert und Ziegler weisen darauf hin, dass sich der Fokus der Debatte verschoben hat:

„[Heute steht] nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, ob es Aktivitäten und Maßnahmen der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Inhalten [...] braucht, sondern in den letzten Jahren wurde besonders die Beförderung guter Wissenschaftskommunikation und die Sicherung der Qualität öffentlicher Kommunikation über Wissenschaft und Forschung thematisiert.“ Ziegler 2023, S. 1

Wissenschaftskommunikation wird damit zunehmend als Qualitätsfrage verstanden. Sie soll nicht nur Reichweite erzeugen, sondern auch Orientierung ermöglichen, Vertrauen fördern und eine reflektierte Auseinandersetzung mit wissenschaftlichem Wissen unterstützen.

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, wissenschaftliche Komplexität verständlich zu machen, ohne sie unzulässig zu vereinfachen oder zu verzerren. Verständlichkeit bedeutet nicht Reduktion auf Schlagworte, sondern die bewusste Gestaltung von Darstellungsformen, die Anschlussfähigkeit ermöglichen. Rhein hebt hervor, dass Wissenschaftskommunikation stets auch mit unterschiedlichen Wissensständen, Diskurskompetenzen und Haltungen gegenüber Wissenschaft konfrontiert ist. Zwischen wissenschaftlicher Skepsis und Wissenschaftsgläubigkeit bewegen sich vielfältige Rezeptionsweisen, die kommunikativ berücksichtigt werden müssen.

Hinzu kommt, dass Wissenschaftskommunikation nie neutral ist. Die Auswahl dessen, was kommuniziert wird, die Art der Darstellung und die verwendeten Begriffe strukturieren Wahrnehmung und Deutung. Auch dort, wo keine expliziten didaktischen Absichten verfolgt werden, enthält Wissenschaftskommunikation implizite Lernangebote. Rhein formuliert dazu:

„Wissenschaftsdidaktische Momente können sich – explizit oder implizit – in sämtlichen Formaten der wissenschaftsbezogenen Kommunikation finden.“ Rhein 2024, S. 12

Damit rückt die Frage in den Fokus, wie Wissenschaft so kommuniziert wird, dass Verstehen möglich wird, ohne den offenen, vorläufigen Charakter wissenschaftlicher Erkenntnis zu verdecken.

In diesem Zusammenhang spielt Sprache eine zentrale Rolle. Sprache ist nicht nur Mittel der Vermittlung, sondern formt maßgeblich die Wirkung von Wissenschaftskommunikation. Begriffe strukturieren Denkrahmen, Metaphern lenken Aufmerksamkeit, narrative Formen erzeugen Nähe oder Distanz. Die Entscheidung, ob von „Unsicherheit“, „Risiko“ oder „Unwissen“ gesprochen wird, beeinflusst, wie wissenschaftliche Aussagen wahrgenommen und bewertet werden. Ebenso kann die Wahl zwischen technischer Fachsprache und alltagsnahen Formulierungen Vertrauen stärken oder Skepsis erzeugen.

Es wird deutlich, dass Wirkungen von Wissenschaftskommunikation nicht allein an Wissenszuwachs zu messen sind, sondern auch Einstellungen, Vertrauen und Anschlussfähigkeit betreffen. Wissenschaftliche Kommunikation entfaltet ihre Wirkung immer im Zusammenspiel von Inhalt, Form, Medium und Sprache.

Gerade vor dem Hintergrund von Zensur, „banned words“ oder politisch motivierter Sprachlenkung – wie sie in weiteren Teilen der vorliegenden Website beleuchtet werden – wird deutlich, dass Sprache nicht nur transportiert, sondern reguliert, begrenzt und machtvoll eingesetzt werden kann. Wissenschaftskommunikation ist daher immer auch eine Frage der sprachlichen Freiheit, der Benennbarkeit von Wirklichkeit und der Bedingungen, unter denen Wissen sagbar wird. In diesem Spannungsfeld entscheidet sich, welche Wissenschaft gehört, verstanden und anerkannt wird – und welche nicht.

Fußnoten

  1. André Weiß, zit. n. Ziegler 2023, S. 13.
  2. Rhein 2014, S. 11ff.
  3. Ziegler 2023, S. 1.
  4. Rhein 2024, S. 12f.
  5. Rhein 2024, S. 12.
  6. Jule Janczyk und Armin Hempel zit. n. Ziegler 2023, S. 156f., S. 165.

Literaturverzeichnis

  • Ziegler, Ricarda (Hrsg.): Evaluationsmethoden der Wissenschaftskommunikation, Heidelberg 2023.
  • Rhein, Rüdiger (Hrsg.): Wissenschaftsdidaktik IV. Wissenschaftskommunikation, Bielefeld 2024.