Politische Macht, mediale Rahmung und der Verlust wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit
Wer im interaktiven Raum zunächst mit der Ausschnittabfolge von Robert F. Kennedy Jr. in verschiedenen Kontexten konfrontiert wird, erhält einen unmittelbaren Eindruck davon, wie verheerend es für Wissenschaft und ihre gesellschaftliche Glaubwürdigkeit sein kann, wenn Träger sehr hoher öffentlicher Ämter wissenschaftliche Erkenntnisse relativieren, verzerren oder offen negieren.
In solchen Momenten wird sichtbar, dass wissenschaftliche Fakten allein keine Garantie für öffentliche Akzeptanz oder politische Wirksamkeit besitzen.
An diesem Punkt setzt die wissenschaftliche Einordnung an.
Wissenschaft ist nicht unpolitisch, und ihre Kommunikation auch nicht
Der Kommunikationsforscher Dietram A. Scheufele zeigt in seinem Aufsatz Science Communication as Political Communication, dass Wissenschaftskommunikation nicht als neutraler Transport von Wissen verstanden werden kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse entfalten ihre Wirkung nicht innerhalb akademischer Zirkel, sondern erst dann, wenn sie öffentlich kommuniziert, interpretiert und in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Dieser öffentliche Raum ist jedoch kein neutraler Ort, sondern strukturell politisch geprägt (Scheufele, 2014).
Themen wie Gesundheit, Impfen, Klimawandel oder Umweltpolitik sind immer auch normativ aufgeladen. Sie berühren Werte, Interessen und Machtfragen und sobald wissenschaftliche Erkenntnisse zu politischen Handlungsempfehlungen werden, geraten sie zwangsläufig in politische Auseinandersetzungen. Wissenschaftskommunikation wird damit selbst zu einer Form politischer Kommunikation.
Politische Akteure, Medien und die Filterung von Wissen
Scheufele betont, dass politische Akteure – insbesondere Personen mit hoher institutioneller Macht – maßgeblich beeinflussen, wie wissenschaftliche Informationen öffentlich wahrgenommen werden. Wenn ein Gesundheitsminister, Präsidentschaftskandidat oder Regierungsberater wissenschaftliche Leitlinien infrage stellt, wirkt dies nicht nur als individuelle Meinung, sondern als politisches Signal. Aussagen wie die von RFK Jr. entfalten ihre Wirkung gerade durch die Autorität des Amtes, aus dem heraus sie gesprochen werden.
Medien spielen in diesem Prozess eine zentrale Rolle: Wissenschaft ist auf mediale Berichterstattung angewiesen, um gesellschaftlich sichtbar zu werden. Gleichzeitig folgen Medien eigenen Logiken: Sie wählen aus, rahmen, vereinfachen und emotionalisieren. Dieser Prozess wird in der Kommunikationsforschung als Framing beschrieben – also als die Einbettung von Informationen in bestimmte Deutungsrahmen, die beeinflussen, wie Inhalte verstanden und bewertet werden (Entman, 1993).
Wissenschaftliche Erkenntnisse werden dadurch nicht einfach weitergegeben, sondern übersetzt. Bestimmte Aspekte werden hervorgehoben, andere ausgeblendet. Gerade kontroverse oder populistische Aussagen politischer Akteure erhalten häufig erhöhte Aufmerksamkeit, während komplexe wissenschaftliche Einordnungen in den Hintergrund treten.
Öffentliche Wahrnehmung folgt nicht nur den Fakten
Ein zentrales Argument Scheufeles ist, dass öffentliche Wahrnehmung wissenschaftlicher Informationen selten einer reinen Faktenlogik folgt. Menschen bewerten wissenschaftliche Aussagen im Einklang mit bestehenden politischen Identitäten, Weltbildern und sozialen Zugehörigkeiten. Informationen, die diesen Identitäten widersprechen, werden häufig abgelehnt oder als unglaubwürdig markiert – selbst dann, wenn sie empirisch gut belegt sind (Scheufele, 2014).
In diesem Kontext werden wissenschaftliche Begriffe und Empfehlungen zu politischen Markern. Aussagen über Impfungen, medizinische Richtlinien oder Gesundheitsrisiken werden nicht mehr primär als wissenschaftliche Information gelesen, sondern als Ausdruck eines politischen Lagers. Genau hier wird verständlich, warum Aussagen wie die von RFK Jr. eine so große destruktive Wirkung entfalten können: Sie verstärken Misstrauen gegenüber Wissenschaft, indem sie wissenschaftliche Erkenntnisse als politisch motiviert oder manipuliert darstellen.
Sprache, Sichtbarkeit und der Verlust von öffentlicher Wirksamkeit
Forschung zur Wissenschaftskommunikation zeigt, welche zentrale Rolle Sprache für die Wirksamkeit von Wissenschaft auf die Gesellschaft spielt. Wissenschaftliche Erkenntnisse verschwinden nicht einfach, wenn sie politisch angegriffen oder sprachlich delegitimiert werden. Sie verlieren jedoch ihre öffentliche Anschlussfähigkeit. Bestimmte Begriffe, Themen oder Zusammenhänge werden unsichtbar gemacht, abgeschwächt oder aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt (Weingart et al., 2018).
Dieser Prozess wirkt nicht primär durch offene Zensur, sondern durch Filtermechanismen: durch politische Signale, mediale Rahmung und sprachliche Verschiebungen. Wissenschaft kann unter solchen Bedingungen intern weiter existieren, verliert jedoch ihre demokratische Funktion als verlässliche Wissensgrundlage für gesellschaftliche Entscheidungen.
Literaturverzeichnis
- Entman, R. M. (1993). Framing: Toward clarification of a fractured paradigm. Journal of Communication, 43(4), 51–58. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1993.tb01304.x
- Scheufele, D. A. (2014). Science communication as political communication. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 111(Suppl. 4), 13585–13592. https://doi.org/10.1073/pnas.1317516111
- Weingart, P., Joubert, M., & Connoway, K. (2018). Public engagement with science and technology. In Perspektiven der Wissenschaftskommunikation im digitalen Zeitalter. acatech / Leopoldina.